Wenn man dem Kabarettisten Christian Überschall Glauben schenkt, dann warten die Schweizer erst mal das eigene Echo ab, bevor sie etwas sagen. Klingt blöd, aber der Schweizer muss es wissen. Auch beim zweiten Schweizer "Tatort" der Neuzeit nach längerer Pause ist das so. Es dauert, bis der Krimi vom Vierwaldstätter See so richtig in die Gänge kommt. Und es dauert, bis man den Film mit dem Titel "Skalpell" überhaupt zu sehen bekommt: Der Luzerner Kriminaler Reto Flückiger (Stefan Gubser) und seine neue Kollegin Liz Ritschard (Delia Mayer) ermitteln ausnahmsweise am Montagabend im Ersten.
Würstl-Pause: Flückiger (Stefan Gubser) und Kollegin Ritschard (Delia Mayer, Foto: SWR / SRF / D. Winkler).
Beim Charity-Crosslauf wird ein Chirurg ausgerechnet mittels Skalpell ermordet, der Verdacht wird auf einen zu kurz gekommenen Kollegen gelenkt. Das eigentliche Thema, Transsexualität und der falsche Umgang damit, wird erst spät ins Rollen gebracht. Dabei ist das Drama vom Menschen, dessen Seele in einem — geschlechtlich gesehen — falschen Körper wohnt, für sich genommen ein Krimi, der in Hitchcock-Dimensionen führt. Es geht um die Verheimlichung vor den Eltern und vor der Gesellschaft. Und diesmal um Ärzte, die mit fortdauernd falscher Behandlung die Betroffenen quälen.
Keine Frage, dass es sich bei "Skalpell" um einen sogenannten "Themen-Tatort" handelt. Der Drehbuchautor Urs Bühler erzählt zu lange um den Brei herum, ehe er zur Sache kommt. Dann, immerhin, treten zwei starke Frauenfiguren auf den Plan, dargestellt von Steffi Friis und Jessica Oswald, die sich sehr selbstbewusst zu ihren wahren Geschlechterrollen bekennen. Über deren Konflikte und Nöte hätte man mit den Kommissaren gerne viel mehr erfahren — wie das ist, wenn es die Seele zu befreien gilt.
Leider sind die Schweizer "Tatort"-Macher (Regie: Tobias Ineichen) und ihr Kommissar Flückiger (Stefan Gubser ermittelte zuvor mit Eva Mattes am Bodensee — nun tut er's mit Delia Mayer in Luzern) noch viel zu sehr damit beschäftigt, die deutschen "Tatort"-Pärchen samt Wurstbude und Piefke-Smalltalk zu kopieren. Das, liebe Eidgenossen, kann nicht klappen. Ihr solltet nicht nach Herrn Steinbrücks strenger Pfeife tanzen, sondern Schweizer Gemächlichkeit und Gründlichkeit walten lassen. Es muss deshalb ja nicht immer gleich das Lauschen aufs eigene Echo sein.
("Tatort: Skalpell", Montag, 28. Mai, 20.15 Uhr, ARD)
