Es ist heiß in München. Verdammt heiß sogar. Wie Fliegen schwirren sie um ihre Beute: die Fotografen am Set der ZDF-Produktion "Das Adlon: Ein Hotel. Zwei Familien. Drei Schicksale" um Josefine Preuß, Ken Duken und Katharina Wackernagel. Gleich werden sich die Schauspieler in den Schatten zurückziehen, hinter den Lkw, um dort eine Zigarette zwischendurch zu paffen. Danach Pressetermin und wieder zurück in die Kulisse. Man merkt: Es geht schnell zu im Team um Regisseur Uli Edel ("Der Baader Meinhof Komplex") - schließlich hat man nur acht Tage Zeit, um auf dem Gelände der Bavaria Studios Außenaufnahmen des historischen Dreiteilers zu drehen, der voraussichtlich im Frühjahr 2013 ausgestrahlt wird. Dass sich eine Besetzungsliste wie das Who-is-Who der deutschen Darstellerriege liest, kommt nicht allzu oft vor. Genauso wenig, dass man sich am Adlon in München trifft
Dank Green-Screen-Technik wird dort, wo man eigentlich auf Münchens Mischwald blickt, der Pariser Platz entstehen. Oder das Hotel in einer seiner vielen Phasen: Aufbau in den Jahren 1904 bis 1907, Zerstörung in den 40-ern, danach der komplette Abriss und Neuaufbau. Knapp 100 Jahre umspannt die 270-minütige Mammutproduktion, die Geschichten des Hauses, aber auch deutsche Geschichte erzählt. Den roten Faden durch das Jahrhundert bildet das Leben von Sonja Schadt (Josefine Preuß, "Türkisch für Anfänger"), einer fiktiven Figur, der das TV-Publikum beim Altern zusehen wird: Als 17-Jährige zieht sie ins Hotel ihres Patenonkels Lorenz (Burghart Klaußner), erlebt dort die Goldene Ära des Prunkbaus. Nach Inflation, Diktatur, Krieg und Zerstörung wird Sonja schließlich mit über 90 Jahren Zeugin, wie der "Mythos Adlon" erneut aufersteht.
Am Original-Schauplatz wird nur sehr wenig gedreht. "Zwei Tage, für die Rahmenhandlung", erklärt Produzent Oliver Berben, der unter anderem dank der TV-Saga "Krupp - Eine deutsche Familie" bereits Historien-Erfahrung hat. Der 40-Jährige war es schließlich, der die Idee zu dem Film hatte, der als sechsteilige Miniserie auch im Ausland gezeigt werden soll. "Hotels haben mich schon immer fasziniert", schwärmt Berben, der seine Zuhörer an diesem Drehtag selbst durch die Kulissen führt. "Egal wie teuer oder billig, luxuriös oder einfach sie sind, alle vereint das gleiche Attribut: Sie sind erotisch wie geheimnisvoll, bringen Menschen verschiedener Gemüter und Nationen zusammen, um sie dann wieder zu trennen."
Auch Heino Ferch findet Hotels "magisch und wunderbar". Der Schauspieler schlüpft in die Rolle des Louis Adlon, des Sohns des Gründers, der das Familienunternehmen die meiste Zeit leitete. An seiner Seite: Marie Bäumer als seine Frau Hedda Adlon, Wotan Wilke Möhring als Portier Friedrich Loewe, Jürgen Vogel und Johann von Bülow als die Brüder Siegfried und Sebastian von Tennen, Anja Kling als Sonjas Mutter Alma Schadt, Sunnyi Melles als deren Großmutter Ottilie Schadt - und viele mehr.
Nicht allein aufgrund der vielversprechenden Besetzung wird "Das Adlon" eines der TV-Großereignisse des kommenden Jahres werden. "Wir haben uns ganz klar vorgenommen, sehr viele Zuschauer zu erreichen. Ob es gelingt, wird sich zeigen", schmunzelt Oliver Berben - und gibt zu: "Eine derart aufwendige historische Produktion ist heutzutage natürlich kaum mehr ohne Förderung finanzierbar." Im Falle von "Das Adlon" zeichnen dafür die Film- und Medienstiftung NRW, das Medienboard Berlin-Brandenburg und die FilmFernsehFonds Bayern verantwortlich. Letztere sind nach Angaben von Geschäftsführer Professor Dr. Klaus Schaefer mit einem "mittleren sechsstelligen Betrag" beteiligt - und Grund dafür, warum der Produktions-Tross nach Brandenburg, Berlin und Nordrhein-Westfalen auch in München Station macht.
"Dass hier gedreht wird, ist wichtig für uns, für den Standort, und sicherlich auch für die Bavaria", erklärt Schaefer. "Zudem ist es nicht sehr einfach, einen Platz dieser Größenordnung zu finden", schiebt Oliver Berben hinterher. "Bevor wir die Möglichkeit bekamen, in der Bavaria zu drehen, schauten wir uns auch verschiedene Dörfer und Städte im Umland von München an, die groß genug gewesen wären. Würzburg zum Beispiel, oder Schweinfurt. Das Problem ist jedoch, dass wir das komplette Areal hätten lahmlegen müssen - und das mit einem Fuhrpark, der aneinandergereiht zwei Kilometer Länge hat."
Dass er mit seiner Idee Uli Edel, der sein Handwerk an der Hochschule für Film und Fernsehen in München lernte und zuletzt hauptsächlich in Amerika arbeitete, in die deutsche Heimat locken konnte, darauf ist der Produzent besonders stolz. Dabei war die Überzeugungsarbeit eine leichte: "Ich fand den Stoff besonders interessant, weil ich in diesem Milieu aufgewachsen bin", berichtet der Regisseur. "Meine Eltern kommen aus der Hotel- und Gastronomiebranche. Viele Charaktere des Films erinnern mich an Menschen, die mich in meiner Kindheit geprägt haben." Für sein Team findet der 65-Jährige nur lobende Worte: "Man kann als Regisseur nicht allzu viel schaffen, wenn man nicht wirklich von großem Talent umgeben ist - nicht nur vor, sondern auch hinter der Kamera." Sprichts und drängt aufs Weitermachen. Schließlich muss es schnell gehen - auch wenn es heiß ist. Verdammt heiß sogar.







