So schade es ist: Mit den Staaten des Baltikums haben hierzulande die meisten Menschen nur dann etwas zu schaffen, wenn es an die Punktevergabe beim Eurovision Song Contest geht. Ganz anders der Dokumentarfilmer Volker Koepp, geboren 1944 in Stettin, langjähriger Berliner mit einer beachtlichen DEFA-Karriere. Masuren, das Memelland und die Kurische Nehrung waren unter anderem Stationen seiner Entdeckungsreise durch Osteuropa, immer am baltischen Meer entlang. Der Film "Livland" - gesprochen mit langem "i" - setzt den Zyklus im Ersten fort. Und wieder darf man sich fragen, was mehr aus der Zeit gefallen ist: die abgeschiedenen Landstriche mit ihren wunderbaren Bewohnern oder doch eher diese äußerst behutsame Art des Filmemachens.
Manchmal erinnert einen nur das Pfeifen des Windes auf der Tonspur daran, dass man hier keinen Bildband durchblättert, sondern einen Film sieht. Koepps Arbeiten atmen eine beharrliche Langsamkeit, lange lässt er die Bilder seines Kameramanns Thomas Plenert auf den Betrachter wirken. Archaische Bäume, gleißende Schneeformationen, stattliche Herrenhäuser, endlose Wiesen, klare Seen.
Landschaftlich ist dieser Ort nicht weniger imposant als geschichtlich. Livland ist eine historische Gegend, die heute das südliche Estland und den nördlichen Teil Lettlands umfasst. Dänen, Deutsche, Schweden, Polen und Russen haben hier regiert. Heute sind Esten und Letten endlich unabhängig, was jedoch viele mit gemischten Gefühlen betrachten. Früher, als man zur Sowjetunion gehörte, erklärt eine im Film porträtierte junge Frau, seien die Grundbedürfnisse sichergestellt gewesen, aber es hätten keine höheren Ideale gegolten. Heute sei das umgekehrt, sagt sie am wärmenden Ofen. Zeit, dass der Sommer kommt, der Holzvorrat reicht nur noch für eine Woche.
Es sind vor allem junge Menschen, die vor der Kamera mit einer erstaunlichen Mischung aus Realitätssinn, Geschichtsbewusstsein und idealistischer Verträumtheit Auskunft über ihre Hoffnungen und Lebensperspektiven geben. Ein bezaubernder Menschenschlag, eine hoffnungsfrohe Generation, ein neugieriger Filmemacher, der zuhören kann. Und der mit Sicherheit noch nicht am Ende seiner Reise angekommen ist.







