Es sind Aufnahmen, die wirklich beklemmend wirken und auch aus der sicheren Distanz schockieren: Eben noch sieht man, wie Jürgen Todenhöfer und seine Kamerafrau Julia Leeb auf einer Wüstenpiste in der Nähe von Brega ein brennendes Fahrzeug begutachten. Dann ist ein furchtbares Geräusch zu hören. Eine Rakete, abgefeuert von Truppen des am 14. März 2011 noch mit eiserner Hand herrschenden Diktators Gaddafi, hat den Jeep des Filmemachers getroffen - und Todenhöfers libyschen Dolmetscher Abdul Latif getötet. Todenhöfers erster Weg führt ihn zur Familie des Kriegsopfers. Es sind sehr emotionale TV-Momente, die der SWR-Autor Peter Puhlmann aus dem knapp 100-stündigen Material des Selfmade-Zeithistorikers und Arabien-Kenners Todenhöfer auswählen durfte.
Seit 50 Jahren schon besucht der langjährige CDU-Abgeordnete, der nach seinem Ausscheiden aus der Politik bis 2008 Vorstand im Burda-Konzern war, regelmäßig den Nahen Osten und Nordafrika. In der heißen Umbruchsphase, die jetzt schon als "Arabischer Frühling" in den Geschichtsbüchern steht, aber erst ein knappes Jahr zurückliegt, macht sich Jürgen Todenhöfer auf, zusammen mit einem Mini-Team die Region zu bereisen und auf eigene Faust (und eigene Kosten) die Stimmung in der Bevölkerung in Ägypten, Syrien oder Libyen einzufangen. Dabei treibt den Ex-Politiker, der lange als Hardliner und Vertreter der sogenannten "Stahlhelm"-Fraktion galt, auch der Wunsch an, sich für den Freiheitsgedanken in einer selten friedlichen Region stark zu machen.
"Bis Anfang 2011 hat der Westen den arabischen Diktatoren in beschämender Weise bei der Unterdrückung ihrer Völker geholfen", schrieb Todenhöfer in einem Reisebericht, der im "SZ Magazin" abgedruckt wurde. Angesichts dessen, was er etwa am 11. Februar 2011 erlebte, als der verhasste Despot Mubarak dem Druck der Straße in Kairo nachgab und abtrat, begeisterte ihn das Tempo der Veränderungen. "80 Jahre benötigte die Französische Revolution, um nach ihrem explosionsartigen Ausbruch 1789 und zahllosen blutigen Rückschlägen Frankreich eines Tages doch noch zu einer Demokratie zu formen", analysierte er. "Fast 130 Jahre dauerte es in Deutschland. 222 Jahre brauchte die Französische Revolution, bis sie die arabische Welt erreichte."
Kein Wunder, dass die Macher des Selfmade-Dokuprojekts bei den deutschen Sendern offene Türen einrannten. "Ich stehe seit März letzten Jahres mit Todenhöfer in Kontakt", erzählt der SWR-Redakteur Peter Puhlmann, den die Bilder und Eindrücke, die der mutige Vor-Ort-Rechercheur eingefangen hat, stark beeindruckten. Schnell wurden sich beide einig, aus der Materialfülle ein sehr persönlichen Doku-Bericht zu formen, der nun als "Tagebuch einer Revolution" auf Sendung geht. "Todenhöfer nimmt sich viel Zeit, mit den Menschen zu reden", sagt der TV-Profi Puhlmann über dessen Arbeit. "Er kommt ihnen immer näher und schafft es, sie zu öffnen." Vor allem die Gespräche mit unmittelbar Betroffenen, mit Verletzten und Kriegsflüchtlingen sind die Stärken des Berichts.
Trotzdem war es Peter Puhlmann wichtig, in seinem Film, an dem er bis zuletzt schneidet, um Raum für aktuelle Veränderungen zuzulassen, eine zweite Ebene einzuziehen, auf der die Geschehnisse im Rückblick eingeordet werden können und auf der Todenhöfer sein Handeln reflektiert. "Ich will herausfinden", so der SWR-Redakteur, "was ihn antreibt und warum er etwa bei Assad auf dem Sofa sitzt - zu einem Zeitpunkt, an dem die ganze Welt bereits über den syrischen Gewaltherrscher klagte".




