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    Fast alles im Gleichgewicht

    "Surfin' USA", "I Get Around", "Good Vibrations", "God Only Knows" - die harmonischen Feelgood-Pophits der Beach Boys aus Kalifornien kennt bis heute rund um die Welt jeder, der in den letzten 50 Jahren das Radio einschaltete. Mit ihrer Gründung im Jahr 1961 machten die Brüder Brian, Carl und Dennis Wilson mit ihrem Cousin Mike Love und ihrem Freund Al Jardine aus ihrem Hobby einen Beruf - und wurden zu einer der bekanntesten und wichtigsten Bands aller Zeiten. Doch mit dem Erfolg kam auch dessen Kehrseite: Seit ihrem Meisterwerk "Pet Sounds" (1966) zerstritten sich die Beach Boys immer wieder, Mastermind Brian Wilson zerbrach beinahe an Drogen, stieg zeitweilig ganz aus seiner Band aus, Carl und Dennis starben. Doch das war gestern: Brian Wilson, Mick Love, Al Jardine, Bruce Johnston und David Marks haben mit "That's Why God Made The Radio" ein Album aufgenommen und feiern ihr Comeback mit einer gemeinsamen Welttournee - in einem Alter, in dem andere in Rente gehen. Und plötzlich scheint sich wieder alles zu fügen, wie Gründungsmitglied, Songschreiber und Sänger Mike Love (71) gut gelaunt verrät.

    teleschau: Glückwunsch, Mr. Love, zu Ihrer Comeback-Tournee und Ihrem neuen Album. Das hätten Sie sich vor 50 Jahren auch nicht träumen lassen, oder?

    Mike Love: Ganz und gar nicht, nein. Niemand dachte an die nächsten 50 Jahre, schon gar nicht im Musikbusiness! 50 Jahre touren und Platten machen, das war damals unvorstellbar. Daran verschwendete keiner einen Gedanken, als wir anfingen. Es ist schon ein ganz schönes Wunder.

    teleschau: Erinnern Sie sich noch gut an Ihre Anfänge? Wann sie das erste Mal dachten: "Wow, wir haben jetzt eine Band"?

    Love: Ja, tatsächlich kann ich das. 1962 brachten wir den Song "Surfin' Safari" über Capitol Records heraus, und der wurde ein recht ordentlicher Hit. Wir tourten durch das ganze Land, aber ich erinnere mich besonders an eine Geschichte im Mittleren Westen. Wir waren im Ballroom in Minnesota und hatten vier Sets am Abend vor uns, jeweils 45 bis 50 Minuten lang mit zehn bis 15 Minuten Pause dazwischen. Wir waren also für über vier Stunden dort. Nach dem zweiten Set gingen mein Cousin Brian und ich vor die Tür, um frische Luft zu schnappen. Der Laden war nämlich so überfüllt, dass die Leute sogar die Fenster einschlugen, um noch in den reinzukommen. Wir schauten die Straße herunter und sahen trotz Dunkelheit wegen ihrer Lichter eine Schlange von Autos vor uns, die mindestens eine Meile lang war. Es war unglaublich voll, alle wollten uns sehen. Und ich sagte zu Brian: "So ähnlich muss es gewesen sein, als Elvis begann!" (lacht)

    teleschau: Ihr damaliges Vorbild?

    Love: Das war wirklich die einzige Referenz, die wir hatten - die frühen Rock'n'Roller vor uns: Elvis Presley, Little Richard, Chuck Berry, Jerry Lee Lewis, die Everly Brothers. Das waren unsere Einflüsse. Es gab außer diesen Rock'n'Rollern einfach keine Rockgruppen vor uns. Dann kamen die Beach Boys, die Beatles, die Rolling Stones. Wir waren eine der ersten Rockgruppen. Danach kamen hunderte. In dem Moment aber spürte ich zum ersten Mal, dass die Beach Boys etwas Besonderes sind und eine Menge Leute anziehen, die unsere Musik geradezu fanatisch verehren.

    teleschau: Was waren aus Ihrer Sicht weitere Höhepunkte? Haben Sie Ihre Ziele erreicht?

    Love: Ja, wir haben sogar viel mehr erreicht, als wir jemals wollten. 1966 zum Beispiel ging "Good Vibrations" auf Platz eins in den USA und in Großbritannien. Deshalb wurden wir dort als beste Rockgruppe gewählt, auf Platz zwei die Beatles, auf Platz drei die Stones. Das war schon sehr besonders. Im gleichen Jahr noch kam "Pet Sounds" heraus. Das war ein ganz schönes Jahr für die Beach Boys. Über all die Jahre hatten wir so viele Hitalben - ich glaube, wir haben nie darüber nachgedacht, was wir erreichen wollen. Wir hatten kein Ziel, es war einfach eine Evolution. teleschau: Die auch immer wieder Wechsel im Line-up beinhaltete ...

    Love: Ja, Brian verließ die tourende Band 1964, und Glenn Campbell performte an seiner Stelle, spielte Bass und sang die hohen Stellen für sechs Monate, bis Bruce Johnston Teil der Gruppe wurde. Das erste Stück, das er mitsang, war "California Girls", 1965. Bis auf ein paar Jahre Auszeit ist er seitdem ein Teil von uns. Aber auch diesbezüglich gilt: Wir hatten keinen Masterplan, es passierte einfach. Als Brian die Gruppe verließ, hatte er mehr Zeit, sich Plattenproduktionen zu widmen, und das tat er auch. Und daraus entstanden Songs wie "California Girls" und "Good Vibrations" und Alben wie "Pet Sounds".

    teleschau: Und nun bringen Sie ein neues Album heraus. Dürfte Ihr 30. sein, oder?

    Love: Ich weiß es nicht. Ich habe sie nie gezählt!

    teleschau: Gleich der Instrumental-Opener "Think About The Days" erinnert an früher. Sind Sie heute nostalgisch? Oder auch froh, dass Sie die wilden Zeiten hinter sich haben?

    Love: Nein, es gab schon viele tolle Dinge, die wir in all den Jahren erlebten. Wir waren an tollen Orten, haben dank unserer Musik viel von der Welt gesehen. Wir hatten Nummer-eins-Alben in Südafrika, Australien, Skandinavien, Deutschland, England. Wir waren in Japan und reisen dort auf unserer anstehenden Tour wieder hin!

    teleschau: Also keine schlechten Erinnerungen?

    Love: Das einzig Negative resultierte aus dem Einfluss von Drogen auf manche Mitglieder. Natürlich Brian Wilson, auch seine Brüder Dennis und Carl. Ich selbst, Bruce und Allen hielten uns fern von diesen harten Drogen. Die anderen nicht. Das war der unangenehme Teil für mich. Den Einfluss von diesem auf unsere Gruppe mochte ich ganz und gar nicht.

    teleschau: Bereuen Sie noch mehr aus dieser Zeit?

    Love: Den Einfluss von LSD und anderen Drogen auf einige von uns bereue ich am allermeisten.

    teleschau: Heute liegt all das hinter Ihnen, Sie gehen trotz Ihrer 71 Jahre wieder auf Tour. Was sagt Ihr Körper dazu?

    Love: Touren ist für uns recht einfach und angenehm, weil wir eine exzellente Crew und eine exzellente Band haben. Alles, was wir tun müssen, ist es am späten Nachmittag oder frühen Abend zum halbstündigen Soundcheck zu schaffen. Dann spielen wir unsere Show mit rund einer Stunde Musik, zwanzig Minuten Pause und noch einer weiteren Stunde Musik. Dann geht es weiter zum nächsten Spielort. Wir reisen sehr komfortabel, wohnen in guten Hotels. Außerdem bin ich noch ziemlich gut in Form. teleschau: Wie halten Sie sich fit?

    Love: Ich mache jeden Tag zweimal meine Transzendentale Meditation. Nach Proben und Soundchecks meditiere ich mindestens eine Dreiviertelstunde.

    teleschau: Also genießen Sie das Reisen nach wie vor?

    Love: Ja, es ist immer noch toll. Wir reisen an Orte, an denen wir schon einmal waren, und das sehr erfolgreich. Spanien und Italien stehen auch auf dem Plan, wir erfahren so immer noch viel von verschiedenen Kulturen, Architektur, Sprachen, Essen, das sind nach wie vor tolle Erfahrungen.

    teleschau: Klingt fast so, als könnten Sie sich diesen Lebensstil noch für die nächsten fünf bis zehn Jahre vorstellen.

    Love: Tony Bennett zum Beispiel ist 85 Jahre. Vor ein paar Monaten kam er mit einem Duettalbum um die Ecke, und es chartete gleich auf Platz eins. Das ist doch mal beeindruckend! Er klingt toll, ist in guter Form, hält sich fit. Er ist ein Beispiel einer Person im fortgeschrittenen Alter, die das Singen noch genießt. Und dem Publikum gefällt es auch noch. So lange du den Wunsch danach, die Gesundheit und die Energie dafür hast, gibt es keinen Grund, nicht zu tun, was du gerne tust und schon dein ganzes Leben getan hast. Für uns ist Musik unsere Art des Lebens. Sie war für uns schon tägliche Familienrealität, bevor wir die Beach Boys gründeten und Gesang und Harmonien wegen ein paar Hitaufnahmen zu einem Beruf wurden.

    teleschau: Es gab während "Smile" und "Pet Sounds" aber auch mal eine Zeit, in der die Beach Boys nicht gerade als Familieneinheit von sich reden machten. Hat Ihnen die Transzendentale Meditation geholfen, Frieden mit Ihrer Band zu schließen?

    Love: Ja, richtig, das ist es. Die Transzendentale Meditation hat mir ein Werkzeug an die Hand gegeben, mit den negativen Seiten klarzukommen. Ob das nun die Müdigkeit durch die vielen Reisen ist oder die Beschäftigung mit den negativen Auswirkungen der Drogen auf meine Cousins war. Egal, was du durchlebst, ob gut oder schlecht: Stress kann immer mal aufkommen, und die Meditation half mir schon immer, diesen Stress wieder loszuwerden, bevor er einen übermannt. Es gibt dir mehr Reinheit, mehr Perspektive, mehr Energie. Aber lustig ist: Sobald wir im Studio stehen, gehört alles Negative sowieso der Vergangenheit an. Im Studio geht es um Harmonien und Musik und um all die Dinge, für die wir bekannt sind und in denen wir gut sind.

    teleschau: Wie muss man sich die Entstehung eines neuen Albums vorstellen: Treffen Sie sich mit Ihren Jungs im Proberaum, jammen rum und gehen danach in die Kneipe, wie 20-Jährige? Love: Wir kamen ins Studio und Brian hatte schon ein paar Tracks angefertigt. Er bat mich, zu einigen davon die Texte fertigzustellen. Das tat ich. Wenn wir ins Studio gehen, weiß Brian ganz genau, wer wo welche Stärken hat. Wer den Bass und wer die Leadgitarre spielt. Auch in den Harmonien hat jeder einen Platz, den er am besten ausfüllt. Bruce etwa kann superhoch singen, Brian auch. Wir passen perfekt zusammen. Als wir für den Titelsong "That's Why God Made The Radio" den Gesang aufgenommen hatten, hörte ich ihn mir im Studio noch mal an und fühlte mich plötzlich, als schrieben wir wieder das Jahr 1965.

    teleschau: Mit Verlaub, man hört dem Song schon an, dass er nicht damals entstand ...

    Love: Aber von unserer Fähigkeit, Brians Harmonien zu strukturieren und sie zu singen, haben wir nichts verloren. Diesen Song im Radio zu hören, fühlte sich für uns alle sehr gut an, weil wir zusammen immer noch so toll klingen können.

    teleschau: Ihren Reunion-Auftritt hatten Sie bei den diesjährigen Grammy Awards. Haben Sie ein Rezept für eine lange Karriere im Rock- und Popgeschäft, das Sie jungen Bands heute mit auf den Weg geben könnten?

    Love: Mein Rezept wäre es, die Finger von den Drogen zu lassen und sich lieber in Dingen zu engagieren, die gesund sind. Ob das nun körperliche Übungen sind oder wie in meinem Fall die Meditation. Ich würde ihnen einen gesunden Lifestyle empfehlen. Wenn du auf dich aufpassen willst, darfst du dich nicht zu Tode rauchen oder trinken und Drogen nehmen. Wenn du dein Leben wirklich genießen willst, dann lebe es bewusst. Das würde ich raten.

    teleschau: Es gibt da diese lustige Randnotiz, dass Brian Wilson noch nie in seinem Leben auf einem Surfbrett stand. Für Sie stimmt das aber nicht, oder?

    Love: Nein. Alan, ich, Dennis und Bruce waren alle Surfer. Keine sonderlich guten, aber Bruce surft bis heute. Carl und Brian aber waren keine Surfer, das stimmt. Brian kann nur auf einem Ohr hören, das beeinflusst seinen Gleichgewichtssinn. Und wenn es irgendetwas gibt, was du zum Surfen wirklich brauchst, dann ist das Gleichgewicht, soviel steht mal fest.

    The Beach Boys auf Deutschland-Tournee:

    03.08., Berlin, O2 Arena

    04.08., Stuttgart, Schleyerhalle

    05.08., Mönchengladbach, Hockey Park

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