Mittlerweile dürfte Tommy Lee Jones Bescheid wissen. Die mexikanisch-texanische Grenzregion ist kein Land für alte Männer. Damals nicht, zur Zeit des Wilden Westens. Und heute auch nicht, wiewohl es jetzt Jeeps, elektrisches Licht und automatische Handfeuerwaffen gibt. In "No Country for Old Men" (2007), dem Oscarerfolg der Coen-Brüder, verlieh Jones dieser Erkenntnis ein lakonisches Sheriffsgesicht. Bereits 2004 realisierte er höchstselbst ein an Sam Peckinpah, John Sayles und Cormack McCarthy geschultes Neo-Westerndrama, das den Weg zur Vergebung als blutigen Prozessionspfad ausweist. ARTE zeigt "Die drei Begräbnisse des Melquiades Estrada" zur besten Sendezeit in einer Wiederholung.
Beim Mexikaner Guillermo Arriaga, der für Alejandro González Iñárritu die Bücher zu "Babel", "Amores Perros" und "21 Gramm" schrieb, gab der Texaner Jones das Script zu seinem Regiedebüt in Auftrag. Arriaga verfasste einen zeitlosen amerikanischen Erlösungsmythos über Schuld, Vergeltung und bedingungslose Loyalität zwischen Männern, die erst im Todesfall zu wahrer Bedeutung kommt. Für die Hauptfigur, einen stoischen und gewissenhaften Racheengel in Cowboygestalt, besetzte sich Tommy Lee Jones (aktuell in "Men in Black 3" im Kino zu sehen) gleich selbst.
Der Titelheld aber ist ein anderer. Melquiades Estrada (Julio César Cedillo) ist ein illegaler Einwanderer aus Mexiko, der als Vaquero, als Cowboy, gemeinsam mit dem befreundeten Vorarbeiter Pete (Jones) gleichmütig seiner Arbeit nachgeht. In Rückblenden wird erzählt, wie der freundliche, schweigsame Mann zu Tode kam. Mike Norton (Barry Pepper), ein sadistischer, verbissener Grenzpolizist mit dem Charme eines Neonazis, hat ihn mehr aus Versehen erschossen. Ein Missverständnis, gewiss, aber das nützt nun beiden nichts mehr.
Zwar unternimmt der Sheriff des Kuhkaffs (Dwight Yoakam) keinerlei Anstalten, den Mörder eines der vielen Illegalen zur Verantwortung zu ziehen. Doch Pete, einmal über die Identität des Täters in Kenntnis gesetzt, ist nicht mehr zu halten. Estrada, dieses Gelübde hat er ihm einmal abgerungen, wollte schließlich in der mexikanischen Heimat und nicht inmitten von Werbetafeln begraben werden. Pete kidnappt den Grenzwächter und zwingt ihn, die bereits von Kojoten angeknabberte Leiche zu exhumieren. Gewissermaßen zu dritt treten die Männer den steinigen und staubigen Weg durch die Wüste nach Mexiko an. Auf Pferderücken. Ist schließlich ein Western.
Der Weg zur Erlösung wird weit und entbehrungsreich für die Männer. Und er ist gesäumt von fast mythischen Gestalten: einem blinden Greis etwa oder einem kräuterkundigen Mädchen in Mexiko. Sam Peckinpah, der einst den abgetrennten "Kopf von Alfredo Garcia" auf Reisen schickte, hätte seine Freude gehabt: Während der bemitleidenswerte Mörder Mike in lebensfeindlicher Natur seine Schuld bitter büßen muss, machen sich Ameisen am langsam verwesenden Leichnam zu schaffen.
Es ist nicht ganz leicht, die mythische Gewalt des Westerns im Angesicht von Shopping-Malls, Fernsehern und Hubschrauberpatrouillen zu bewahren. Tommy Lee Jones löst die immer auch ethischen Widersprüche mit Sinn für Ironie. Kinematografisch erreicht der Regiedebütant hier sicher nicht ganz das Niveau seiner offenkundigen Vorbilder. Dennoch wurde sein schaurig-schroffes Erstlingswerk beim Filmfestival in Cannes 2005 für die Goldene Palme nominiert. Ausgezeichnet wurden damals aber Drehbuchautor Arriaga sowie der Filmemacher selbst - als bester männlicher Darsteller.








