Wer am Donnerstagabend ProSieben einschaltete, wunderte sich vielleicht: Nena und Co. haben sich ganz schön verändert. Aber nein: "The Voice of Germany" wird künftig nur noch einmal pro Woche und nur bei SAT.1 gesucht. Bei ProSieben dürfen ab sofort andere ran: Stefan Raab, Thomas D und Alina Süggeler. Schließlich steht am 26. Mai der mittlerweile 57. Eurovision Song Contest an. Und da muss eben ein neues Talent her. Raab wäre nicht Raab, hätte er sich für "Unser Star für Baku" nicht doch wieder etwas "Sensationelles" einfallen lassen, "das es im deutschen TV so noch nicht gegeben hat": die Blitztabelle. Auf dass noch mehr kostenpflichtige Zuschaueranrufe generiert werden!
"Jeden Moment kann sich alles ändern. Es ist nicht nur für die Kandidaten, sondern auch für das Publikum und uns Juroren kaum auszuhalten, unfassbar spannend", jubelt Jury-Präsident Thomas D. Stimmt schon, doch das jungfräuliche Abstimmungsverfahren lenkt auch ab. Die fünf besten der zehn Kandidaten, die sich in der ersten Liveshow vorstellten, wurden wild durcheinandergewürfelt. Hier ein paar Prozentpunkte dazu, hier wieder welche weg - ein heilloses Tohuwabohu, sodass am Ende beinahe der Favorit rausgeflogen wäre. Eine Katastrophe! Aber der Reihe nach.
Der Saal tobt, als sich die ersten zehn von insgesamt 20 Kandidaten vorstellen - mal niedlich schüchtern, mal abgeklärt selbstbewusst. Das Begrüßungssprüchlein wollte allerdings wohlüberlegt sein. Denn bereits jetzt entscheiden die Zuschauer auf der Couch, wer ihr Favorit ist. Die Leitungen für den 21-jährigen Roman Lob glühen heiß, doch auch für die blonde Jil Rock aus Dissen sieht es gut aus. Doch eben nur anfangs, denn die 20-Jährige steht und fällt in der Gunst des Publikums mit jeder verstreichenden Sendeminute. Wie übrigens alle ihre Mitstreiter.
Die anfängliche Sympathie bestimmt die Auftrittsreihenfolge: Roman ist top, also singt er am Schluss. Die Zuschauer müssen schließlich bei der Stange gehalten werden. Die 24-jährige Katja Perri eröffnet den Sangesreigen, sie lag in der Vorstellungsrunde auf Platz zehn. Als die Berlinerin mit ihrer Gitarre die ersten Takte des Bruno-Mars-Hits "Marry You" anstimmt, schlägt das Raabsche Ratingverfahren knallhart zu: Katja schießt nach oben, belegt am Ende mit 14,7 Prozent der Zuschauerstimmen noch Platz fünf und ist Baku damit einen Schritt näher.
Mit an Bord des Eurovision-Dampfers sind auch die 21-jährige Leonie Burgmer, deren Stimme Thomas D "etwas Verrücktes" attestiert, die 21-jährige Céline Huber, die mit perfekter Intonation von Kelly Clarksons Song "Beautiful Disaster" begeisterte, die 20-jährige Shelly Phillips, die für Raab schon jetzt eine Künstlerin ist, und natürlich Roman Lob. Der Mädchenschwarm wurde vor fünf Jahren bereits bei Dieter Bohlen vorstellig, musste seinen Top-20-Platz bei "DSDS" aufgrund einer Kehlkopfentzündung aber aufgeben. Bei "Unser Star für Baku" ist der charmante Sänger die Entdeckung des Abends - und doch schreit Raab am Schluss: "Lasst mir ja den Roman drin!"
Denn die Blitztabelle schlägt gnadenlos zu: Rauf, runter, rauf, runter geht's - eine Achterbahnfahrt für die Kandidaten. "Vergesst die Leonie nicht!", "Lasst mir bloß die Shelly drin!", "Roman!" - kaum machte sich die Jury für ihre Favoriten stark, hat der Zuschauer schon wieder anders abgestimmt. Entscheidet also wirklich nur das Publikum? Von wegen! Lediglich bei Jan Verwej (21), Salih Özcan (23) und Yasmin Gueroui (22) war schnell klar: Das wird nichts mit Baku. In letzter Sekunde rutschte Kai Nötting (21) auf den undankbaren sechsten Platz, nahm die Entscheidung aber sportlich.
Am nächsten Donnerstag, 19. Januar, werden zehn weitere Talente präsentiert, und bis zum 16. Februar wird gnadenlos ausgesiebt. Dann findet im Ersten das Finale statt, schließlich machen auch in diesem Jahr Private und Öffentlich-Rechtliche wieder gemeinsame Sache. Ob die demokratische Atemlosigkeit bis dahin anhalten wird, bleibt abzuwarten. Zum Auftakt sicherte sich das von Steven Gätjen und Sandra Rieß moderierte "Unser Star für Baku" mit 15,6 Prozent der 14- bis 49-jährigen Zuschauer immerhin den Primetime-Sieg. Dass es im Fernsehen letzten Endes nur auf die Prozentpunkte ankommt, wissen die Macher schon lange. Das Publikum weiß es spätestens seit gestern.















