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    Die Stille nach dem Schuss

    Es war eine grotesk überzeichnete Veranstaltung. Mit einem "Mega-Event" im Hamburger Freihafen feierte der Bezahlsender Sky am Mittwochabend (23.05.) den Start seines neuen HBO-Serienkanals "Sky Atlantic HD". Ob dieser dem Unternehmen tatsächlich neue Abonnenten in Scharen zuführt, ist jedoch fraglich.

    Otto Normalfernseher kennt "Sky" vor allem vom leuchtenden Schild an der Eckkneipe. Da, wo früher "Premiere" hing. Gerade griff der deutsche Pay-TV-Anbieter wieder tief in die Tasche, um sich die Übertragungsrechte der Fußball-Bundesliga bis 2017 zu sichern. Doch Sport ist nicht alles. Das Wachstumspotenzial bei Bundesliga- und Champions League-Junkies ist begrenzt. Deshalb "launchte" der Sender am Mittwochabend um 21 Uhr mit großem Brimborium und in Kooperation mit dem amerikanischen Pay-TV-Giganten HBO einen neuen Sender. Sky Atlantic HD soll die neue Heimat für Seriensüchtige werden. Das gewaltige Ausmaß einer mit Promis, Konfettikanonen und lebenden Serienszenen gespickten Party im Hamburger Freihafen konnte jedoch nicht verbergen: Bis auf die zweite Staffel der Fantasy-Serie "Game of Thrones" hat Sky Atlantic HD zum Start wenig Neues zu bieten.

    Gemeinsam standen sie auf der riesigen Bühne, redeten vor rund 500 Gästen unübersetztes Englisch und freuten sich über die Zusammenarbeit: Sky CEO Brian Sullivan und Charles Schreger, President Programming Sales bei HBO. "I'm so excited", wurde mehrere Male im Angesicht des nur noch wenige Minuten entfernten Sendestarts von Sky Atlantiv HD gesagt - was in der Körper-Wort-Schere so gar nicht zum gelassenen Habitus der anglo-amerikanischen Medienmanager passen wollte. Schließlich wurde ein Countdown heruntergezählt: 5, 4, 3, 1. Konfettikanonen schossen blaues und silbernes Glitzerzeugs ins Auditorium, das von Kiezgröße "Kalle" Schwensen über Schauspieler wie Katja Flint, Fritz Wepper, Christian Berkel oder Andrea Sawatzki bis hin zu Talker Harald Schmidt einiges zu bieten hatte.

    Tatsächlich wird Harald Schmidt nach einem kurzen Gastspiel bei SAT.1 mit seiner Show ab September bei Sky Atlantic HD zu sehen sein, weshalb der neue Senderstar zuvor vom etwas angestrengt wirkenden Moderatoren-Duo zu einigen lauwarmen Witzen über Freiheiten beim Pay-TV und "innovative" Mediennutzung getrieben wurde - Sky Atlantic HD gibt es nämlich auch als mobiles Angebot aufs Handy oder Tablet. Die Gigantomanie der Feier stand jedoch im krassen Missverhältnis zu dem, was Sky Atlantic HD derzeit bietet. Nun gut, am Abend startete Staffel zwei der beliebten HBO-Fantasy-Serie "Game of Thrones". In deutscher Erstausstrahlung, wahlweise in englischem O-Ton oder deutscher Synchronisation zu empfangen, in "brillanter HD-Qualität" - wie es der Sender verkündet.

    Dennoch bleibt festzuhalten: Der Rest des gegenwärtigen Programms beinhaltet mit "Die Sopranos", "Six Feet Under", "The Wire" oder "True Blood" zwar viele preisgekrönte und unbestritten hervorragende Serien, aber eben auch kaum Neues. Selbiges verspricht "The Home of HBO", wie Sky Atlantic HD im werbenden Untertitel verheißt, allerdings für den Herbst. Bereits im August soll eine sechste "Dexter"-Staffel zu sehen sein. Im September folgt Staffel drei der Martin Scorsese-Serie "Boardwalk Empire". Außerdem "Veep", die Comedy-Serie über eine fiktive US-Vizepräsidentin und "Treme", eine neue Serie der "The Wire"-Macher, welche Blues-getränkt vom Wiederaufbau in New Orleans nach dem Hurricane "Katrina" erzählt.

    Dass Sky Deutschland die Produktion eigener Serien plant, wurde in den letzten Tagen und Wochen im Zusammenhang mit dem Start von Sky Atlantic HD mehrfach beteuert. Konkretes gibt es dazu allerdings noch nicht. Offenbar erwägt Sky Deutschland, sich den Weg seines neuen Kooperationspartners HBO zum Vorbild zu nehmen. Der ging 1972 mit der Übertragung eines Eishockeyspiels zwischen den New York Rangers und den Vancouver Canucks auf Sendung. 365 Haushalte waren damals Kunde. Heute fußt der Erfolg von HBO, das zum Medienkonzern Time Warner gehört, vor allem auf Produktion und Export hochwertiger Serien. 93 Millionen Abonnenten soll es weltweit geben, HBO-Programme werden laut Senderangabe in über 150 Länder verkauft.

    Der deutschen Serienlandschaft käme ein entsprechendes Engagement von Sky sicherlich zu Gute. Auch wenn fraglich ist, ob deutschsprachige Serien angesichts des begrenzten Marktes eine ähnliche Erfolgsgeschichte wie "Die Sopranos" oder "Game of Thrones" hinlegen könnten, wünschte man sich zumindest einen engagierten Versuch in diese Richtung. Wenn jene Summe, die das gewaltige Launch-Event von Sky Atlantic HD gekostet haben muss, in Entwicklung und Budget einer solchen Serie geflossen wäre - man hätte schon etwas damit anfangen können. Nach dem Schuss der Konfettikanonen wurde der neue Sender schnell auf "stumm" gestellt, die gigantische Leinwand gen Himmel gefahren und der Einstieg in eine zweite fußballfeldgroße Halle geöffnet.

    Hier schlenderten Promis, Business-Partner und Reporter nun zwischen lebendigen Themenparks abgefeierter HBO-Serien umher. Rittersvolk und Zwergenwesen umschwänzelten das Fleischbüffet von "Game of Thrones", bei "Six Feet Under" lagen echte Leichendarsteller in Särgen vorm streng in rot und weiß gehaltenen Nachtischbüffet (Mascarpone-Creme und Himbeersauce) und in der "Boardwalk Empire"-Welt gab es Spieler, Schuhputzer und Sicherheitsbeamte mit Maschinengewehren im Anschlag, die den Einlass zur Bar kontrollierten.

    Ob das alles Sinn macht, sei dahingestellt. Lust, den neuen Sender auszuprobieren, machte die überzogene Gala dennoch. Zuhause angekommen, wollte der Reporter testen, ob sein Sky HD-Abo - wie in der Werbung versprochen - dazu führt, dass er den neuen Sender bis zum 10. Juni kostenlos empfangen kann. Ein Sendersuchlauf gegen 22.30 Uhr blieb jedoch erfolglos. Am nächsten Morgen die Aufklärung: "Ja", beteuert eine Mitarbeiterin von Sky, "Kabel Deutschland (staatlich verschriebener Kabelbetreiber u.a. in Hamburg, Anmerk. d. Red.) blockiert derzeit noch die Aufschaltung des Senders in ihre Netze. Da laufen gerade noch die Verhandlungen." Die Wahl des Ortes für die Feierlichkeiten zum Start von Sky Atlantic war also etwas unglücklich. Dem Konfettischuss folgte die Stille. Dem Sender wünscht man ob seines ambitionierten Konzeptes dennoch alles erdenklich Gute.

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