Wenige Stunden bevor sich der FC Chelsea in Barcelona den Einzug ins Champions-League Finale ermauert, gibt es in den kalten Katakomben der Fußball-Arena des Hamburger Sportvereins ebenfalls eine defensive Vorstellung. ARD und ZDF präsentierten ihre Pläne für die Fußball-EM in Polen und der Ukraine (8. Juni bis 1. Juli). Dabei sprechen die öffentlich-rechtlichen Sender vor allem über Kostenkontrolle und betonen, die politische Situation in der Ukraine kritisch beleuchten zu wollen.
Dass dies alles ein wenig routiniert und müde wirkt, mag daran liegen, dass die EM in Osteuropa noch gut 40 Tage entfernt liegt. Zuvor fallen noch andere wichtige Entscheidungen im nationalen und internationalen Fußball. Doch auch die Teams von ARD und ZDF wirken ein wenig überspielt. Bis auf Matthias Opdenhövel, der für die ARD aus dem deutschen Lager in Sopot bei Danzig berichtet, sieht und hört man nur altbekannte Stimmen und Gesichter. So reist ARD-Mann Gerhard Delling (53) zu seiner sechsten EM. Dem ZDF ist das Abenteuer im wilden Osten gar so suspekt, dass es mit seinem gefühlten EM-Zentrum lieber gleich in Deutschland bleibt. Für rund 1.000 Zuschauer baut man derzeit eine Strandarena an der Heringsdorfer Seebrücke auf Usedom. Katrin Müller-Hohenstein und Experte Oliver Kahn wollen dort das Westgefühl von Sommer, Sonne, Strand und Fußballmärchen retten.
Würste in Streifen, Würste längs, kleine Würste am Stück. Überall Würste. Wer in ein Stadion einlädt, so wie ARD und ZDF, muss seine Gäste wohl aus vertraglichen Gründen durch den hauseigenen Caterer versorgen lassen. Weil der örtliche Food-Lieferant, der zu einer bundesweit agierenden Stadionverkostungskette gehört, wohl eine Expertise in Wurstwaren besitzt, gibt es für die Presse durchaus humoristische Würste im Deko-Glas oder sonstwie kreativ und weitgehend beilagenfrei. Ob es eine gute Idee ist, abseits eines Fußballspiels in ein Stadion einzuladen, mag dennoch bezweifelt werden. Jedenfalls schaffen es ARD und ZDF in den düsteren Beton-Katakomben des Beinahe-Absteigers HSV kaum, wirkliche Euphorie für die am 8. Juni (18 Uhr, ARD) mit der Partie Polen gegen Griechenland in Warschau beginnende Euro 2012 zu erzeugen.
"Ja, wir stehen vor der politischsten EM der Geschichte", sagt ARD-Teamchef Jörg Schönenborn und betont, dass seit der Fußball-WM 1978 in Argentinien wohl kein Turnier mehr in einem Land stattgefunden habe, in dem die Menschenrechte derart missachtet wurden. Passend dazu tritt Julia Timoschenko, inhaftierte ehemalige Ministerpräsidentin der Ukraine, am gleichen Tag in einen Hungerstreik.
Obwohl die versammelten Journalisten eher Fragen zum Turnier stellen, hat man den Eindruck, dass ARD und ZDF sich aktiv bemühen, den Vorwurf einer Gute-Miene-zum-bösen-Spiel Euro zu entkräften. So weisen Schönenborn und ZDF-Mann Theo Koll auf die vielen begleitenden Hintergrundreportagen im Programm hin. So hat das Zweite am Montag, 11. Juni, um 23.15 Uhr einen Film über Fußball-Oligarchen im Programm, ohne deren Geld die vier Spielstätten in Donezk, Charkiw, Kiew und Lemberg wohl kaum im heutigen Glanz erstrahlen würden.
Oligarchen in der Ukraine sind nicht selten auch Medienunternehmer und hohe Funktionäre im nationalen Fußballverband. Kritik wird nicht geduldet. Seit der Wahl von Wiktor Janukowitsch zum Präsidenten im Jahr 2010 hat sich die Situation der Pressefreiheit im Land rapide verschlechtert. Ganz anders die Lage in Polen. Dort ist das Land unter dem überzeugten Europäer Donald Tusk liberaler geworden, die Pressefreiheit gehorcht westlichen Standards. Auch in Polen liegen vier Spielstätten der EM - in Danzig, Breslau, Warschau und Posen. Für das deutsche Team, das neben Spanien als Top-Favorit ins Rennen geht, startet das Turnier am Samstag, 9. Juni (20.45 Uhr, ARD), im westukrainischen Lemberg, nahe der polnischen Grenze.
Die weiteren Vorrundenbegegnungen bestreitet die deutsche Elf am Mittwoch, 13. Juni (20.45 Uhr, ZDF), gegen die Niederlande in Charkiw. Am Sonntag, 17. Juni (20.45 Uhr, ARD), geht es wiederum in Lemberg gegen Dänemark. "13 Prozent der Deutschen machten letztes Jahr Urlaub in Spanien", referierte Theo Koll. "Nur zwei Prozent reisten nach Polen." Was der Hauptredaktionsleiter Politik und Zeitgeschehen damit sagen will: Obwohl vor allem der Spielort Polen eigentlich eine EM der nahen Wege für viele deutsche Fans bedeuten würde, fühlt man sich bei der Betrachtung der Gastgeberländer eher wie ein etwas fremdelnder Forscher auf dem Weg nach Terra incognita.
Das ZDF, ohnehin gemütlich-lustvoller bei der Präsentation seiner Inhalte als die föderale ARD, macht aus dem dumpfen Gefühl der Fremde lieber gleich eine Art Heim-EM und errichtet an der deutsch-polnischen Grenze auf der Ostseeinsel Usedom sein eigenes EM-Beach-Stadion. Ob man für einen Zuschauerplatz am ZDF-Fußballstrand Eintritt bezahlen müsse, will ein Journalist wissen. "Ja", heißt es von Seiten der ZDF-Verantwortlichen. Man müsse "etwa zehn Euro nehmen, das schreibe die UEFA so vor".
Überhaupt geht es viel um Kosten bei dieser Präsentation beziehungsweise deren Einsparung. Um die zehn Millionen Euro, lässt Jörg Schönenborn durchblicken, kostet das Unternehmen EM die Sender, womit man sich in etwa auf dem Niveau des Turniers von 2008 in Österreich und der Schweiz bewege. "Wenn man die größeren Entfernungen und Wege in Polen und der Ukraine betrachtet," so der ARD-Teamleiter, "ist das ein großer Erfolg". Man müsse in der Ukraine beispielsweise jede Straße vorher abfahren, um zu sehen, ob dort ein Ü-Wagen durchkommt. Um Kosten zu senken, teile sich das 300 Mitarbeiter starke Team von ARD und ZDF die komplette Logistik der Übertragung. So blieben die jeweiligen Ü-Wagen und Techniker jeweils das gesamte Turnier über an ihrem jeweiligen Einsatzort, sodass ARD-Technik ZDF-Spiele übertrage und umgekehrt.
Stimmen und Gesichter der Sender bleiben indes altbekannt. Fürs Erste, das seine Übertragungen mit dem Experten Mehmet Scholl stets drei Meter von der Seitenauslinie entfernt, also nahe des Spielfeldes präsentieren möchte, moderieren Reinhold Beckmann, Gerhard Delling und Matthias Opdenhövel. Das Mikrofon teilen sich Tom Bartels, Gerd Gottlob und Steffen Simon. Beim ZDF hört man Béla Réthy, Oliver Schmidt, Thomas Wark und Wolf-Dieter Poschmann. Michael Steinbrecher, im Quartier der deutschen Mannschaft, Rudi Cerne und Sven Voss heißen die Reporter vor Ort. Eine wirklich interessante Meldung gibt es noch von Oliver Kahn zu verbreiten. Für drei weitere Jahre wird der ZDF-Experte dem Sender erhalten bleiben. Dabei soll der ehemalige Titan auch die Champions-League Spiele, deren Free-TV-Rechte ab der kommenden Saison beim ZDF liegen, kommentieren.








