Viele wirklich innovative Köpfe tummeln sich ja nicht im deutschen Fernsehen. Eine löbliche Ausnahme: Stefan Raab, der sich für so manche erfolgreiche Idee selbst auf die Schultern klopfen könnte. Die Erfindung der "Blitztabelle" gehört aber nicht dazu. Nach zwei Ausgaben der ESC-Castingshow "Unser Star für Baku" lässt sich das mit enervierender Gewissheit sagen. Die als Weltneuheit verkaufte permanente Einblendung der Voting-Lage sorgt zwar für Spannung und Turbulenzen. Aber auch für reichlich absurde Endergebnisse. Dem Ziel, einen vorzeigbaren Kandidaten für den Eurovision Song Contest in Aserbaidschan zu finden, kann das nur schaden.
Bereits in der ersten Sendung gelangte der panische Raab-Satz "Vergesst den Roman nicht!" zu einiger Berühmtheit. Der objektiv beste Kandidat der Debütsendung wäre beinahe in letzter Sekunde noch aus den errettenden Top-Five geflogen, weil ihn die Zuschauer schon sicher weiter wähnten. Ähnliches widerfuhr in Sendung zwei am Donnerstagabend bei ProSieben der Sängerin Vera - allerdings ohne Happy End.
Jetzt ist eine der ganz wenigen Kandidatinnen der Show, der man ein gewisses Format unterstellen darf, ausgeschieden. Haben die Zuschauer das nicht erkannt? Doch, haben sie! Vera rangierte beständig auf den Plätzen eins und zwei des Live-Rankings. Doch die Einblendung der "Blitztabelle" spiegelt die Publikumswahl nicht wider - sie manipuliert sie. Je näher die Deadline rückte, desto eifriger versuchten die Fans daheim, den jeweils auf Platz sechs befindlichen Kandidaten noch auf Rang fünf zu hieven. Mit dem Erfolg, dass die vermeintlich gesicherten Acts auf den Top-Plätzen unverhofft nach unten durchrutschten.
Der hoch gelobten Schwäbin Vera fehlten laut Sender am Ende 0,017 Prozentpunkte zur Qualifikation. "Es ist doch unfassbar mit dieser Demokratie", haderte hinterher der sichtlich angefressene Jurypräsident Thomas D: "Heute wünschte ich mir, der Präsident hätte ein Vetorecht." Keine Frage: Wären die Leitungen nur 20 Sekunden länger offen geblieben, hätte sich garantiert ein wiederum völlig durchgemischtes Ergebnis gezeigt. Die reine Willkür. Und dem Zweck der Sendung damit vollkommen unangemessen.
Gut möglich, dass dies auch zur Frustration beim Publikum führte. Bei der zweiten "Baku"-Show büßte ProSieben dramatisch viel Publikum ein. Nur noch 1,71 Millionen Zuschauer schalteten ein, darunter 1,26 Millionen Menschen aus der werberelevanten jungen Zielgruppe (Zuschauer zwischen 14 und 49 Jahre). Der Marktanteil bei den Jungen verflüchtigte sich von ordentlichen 15,6 Prozent zum Auftakt auf unter dem Senderschnitt befindliche 10,1 Prozent. Erfolgreicher waren am Donnerstagabend zur Primetime die neue RTL-Serie "Die Draufgänger" (17,3 Prozent Marktanteil) und der vox-Spielfilm "Der Teufel trägt Prada" (16,5 Prozent).



