Leiden eines Alzheimerpatienten: Rudi Assauer bei “37°”

„Die Birne", „die Festplatte", … Die Ausdrucksweise des Patienten ist erstaunlich salopp und überraschend kreativ, wenn es darum geht, zu beschreiben, was nicht mehr funktioniert. Das Thema aber ist ernst. Die ZDF-Reihe „37°" ist spezialisiert auf feinfühlige Porträts über Menschen, die vom Schicksal geschlagen sind.Rudi Assauer mit seiner Tochter Betty Michel in der ZDF-Sendung "Volle Kanne" (Bild: ZDF).

Der Film „Ich will mich nicht vergessen" von Autorin Stephanie Schmidt macht da keine Ausnahme. Doch der Mann, den sie über den Zeitraum eines Jahres mit der Kamera begleitete, ist nicht irgendwer. Es ist Rudi Assauer. Ex-Fußballmanager, Werbeikone, Sympathieträger, Ruhrpottidol. Rudi Assauer hat Alzheimer. Dass das so ist, wissen in diesem Land seit Kurzem sehr viele Menschen. Dieser Reportage, einem Auftritt in der ZDF-Sendung „Volle Kanne", einer anstehenden Buchveröffentlichung sowie vor allem der begleitenden Berichterstattung in den Medien sei Dank.

„Ein Promi im Kampf gegen Alzheimer" ist der Beitrag untertitelt. Das klingt zunächst etwas flapsig und fragwürdig obendrein: Sind vor so einer Erkrankung denn nicht alle Menschen gleich? Natürlich sind sie es. Aber bei einem, der sein ganzes Leben in der Öffentlichkeit zubrachte, ist der Umgang mit ihr ein anderer. So folgt der Zuschauer dem Protagonisten zum Fußballveteranentreffen in Dortmund, wo er tapfer um Anekdoten ringt. Ein anderes Mal sieht man ihn daheim vor einem Erinnerungsfotos grübeln. Jeder Schalke-Fan weiß, dass Assauer auf dem Bild dem Spielmacher Lincoln die Stirn küsst, aber Assauer weiß den  Namen nicht mehr. Wie hieß noch gleich der renommierte Holländer auf der Trainerbank, mit dem er die größten Erfolge in der Schalke-Arena einfuhr? Vergessen. Das ist tragisch, wie auch die Trennung von Ehefrau Britta, um die diese Jahresstudie nicht herumkommt. Dennoch ist der Tenor des Film ein anderer: Assauer will sich hier als der präsentieren, als den man ihn kennt: als Vorkämpfer in aussichtsloser Lage.

Warum er die Krankheit öffentlich mache, wurde Filmemacherin Stephanie Schmidt von der „Dorstener Zeitung" im Vorfeld der Ausstrahlung gefragt: „Damit endlich das Getuschel und die Gerüchte nach Auftritten aufhören, er hätte zum Beispiel wieder zu viel getrunken." Und, das auch: „um das Tabu-Thema Alzheimer offensiv anzugehen". 120.000 Menschen erkranken alleine in Deutschland jährlich, Tendenz steigend. Die große Anteilnahme und das enorme Medienecho auf Assauers Outing zeugten zum einen von großem Mitgefühl, zum anderen aber auch von der Erkenntnis: Dieses tückische Volksleiden kann ab einem gewissen Alter wirklich jeden treffen, die Gesellschaft begegnet dieser Gefahr in weiten Teilen mit Verdrängung.

Dass Rudi Assauer die gänzlich gegensätzliche Strategie eingeschlagen hat, ist ihm hoch anzurechnen. Nein, er ist nicht mehr gut beieinander, aber zumindest ist er nicht schlecht beraten. Sonst wäre er vielleicht zum Privatfernsehen gegangen und nicht zur „37°"-Redaktion, wo man ein solches Thema angemessen zu verhandeln weiß und die Boulevardschlagzeilen links und rechts eher beiläufig zur Kenntnis nimmt.

(Dienstag, 7. Februar, 23.15 Uhr, ZDF)

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