Es ist kompliziert

Faszinierend und voraussetzungsreich: Marcus Vetter und Michele Gentile begleiteten Luis Moreno Ocampo - den ehemaligen Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag.

Ganz nah zoomt die Kamera ans Gesicht von Angelina Jolie. Man kann es den Filmemachern nicht verdenken, dass sie die Anwesenheit des amerikanischen Superstars am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag zu inszenieren wissen. Viel zur Sache trägt die politisch engagierte Hollywoodschauspielerin jedoch nicht bei in einem Dokumentarfilm, der in ausgewählten Kinos vergangenen Mai unter dem Titel "The International Criminal Court" zu sehen war. Das Erste nimmt ihn unter der TV-Titel "Der Chefankläger" ins Spätprogramm und kommt dem Filminhalt damit schon deutlich näher. Marcus Vetter und Michele Gentile hatten bei ihrer Langzeitbeobachtung vor allem einen Mann im Fokus: Luis Moreno Ocampo.

In den 80er-Jahren Assistent im Prozess gegen die Generäle der argentinischen Militärjunta, war der charismatische Südamerikaner zwischen 2003 und 2012 Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag - im Englischen kurz ICC. Über 100 Staaten weltweit haben die Statuten des noch jungen Gerichts anerkannt, das bei Völkermord, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit seine Zuständigkeit reklamiert. Viele andere Staaten verweigern die Anerkennung - darunter die USA, Russland, China, Indien, Syrien und die Türkei. Das macht die Sache kompliziert für Luis Moreno Ocampo und seine Mitarbeiter. Wie kompliziert, davon weiß die bisweilen rasant und durchweg eindrucksvoll geschnittene Doku ein Bild zu zeichnen.

Das Faszinierende: Vetter und Gentile folgen dem umtriebigen Chefankläger überall dorthin, wo der "Tagesschau"-Gucker sonst nie einen Einblick erhalten hätte. Vom Frühstückstisch über den Dienstwagen bis zur Besprechung im Büro. Auf Dienstreise in Libyen, bei Videokonferenzen und Journalisteninterviews. Vor allem aber berichten die Bilder eindrücklich vom Prozess gegen den ehemaligen kongolesischen Milizenführer Thomas Lubanga: ein bedeutsames Verfahren, das über Monate begleitet wird. Grässliche Beweisvidoes über die Rekrutierung und Misshandlung von Kindern werden auch dem Doku-Zuschauer vor Augen geführt. Man soll verstehen und versteht: Die Arbeit des ICC ist eine wichtige.

Und eine kräftezehrende dazu: Luis Moreno Ocampo ist ein Mann mit lässigem Fünf-Tage-Bart, lässiger Körperhaltung und verschmitztem Lächeln. Nirgends scheint er je zur Ruhe zu kommen, allerdings verliert er auch niemals vor der Kamera die Contenance. "Ich habe das Gefühl, einen Jet-Fighter zu fliegen", sagt er noch, als er ganz am Ende des Films seinen Schreibtisch leerräumt, den seine Nachfolgerin Fatou Bensouda aus Gambia erben wird: "Ich kann nicht entspannen."

Entspannung ist auch beim Zuschauer dieses von SWR, NDR und ARTE koproduzierten 90-Minüters nicht angezeigt. Die Regisseure Marcus Vetter und Michele Gentile haben sich für eine äußerst voraussetzungsreiche Art des Erzählens entschieden. Mitten rein ins kalte Wasser internationaler Juristerei wird man hier geworfen. Keine Erklärungen, wenig Hintergrundinfos. Das macht den "Chefankläger" schon fast zum Doku-Stück für Völkerrechtsexperten. Wer sich alleine von der Aussicht, Angelina Jolie in ungewohntem Rahmen zu erleben, ködern lässt, wird jedenfalls enttäuscht sein.

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