Mit dem Rücken zur Welt

Die Online-Welt pausiert nicht, wenn der Computer ausgeschaltet wird. Und genau das ist das Problem bei Community-basierten Videospielen wie "World of Warcraft". Sie gehen immer weiter, haben kein Ende, keine finale Befriedigung. Stattdessen vermitteln sie das Gefühl, stets etwas zu verpassen, wenn man nicht online ist - den Anschluss an die Gruppe, ein Abenteuer, eine Belohnung. Der Übergang vom puren Zeitvertreib zur Sucht, vom Vergnügen zum Verlangen ist dabei schleichend und für die Betroffenen kaum zu erkennen. Die Folgen können gravierend sein, wie die Reportage "Spielen, spielen, spielen ..." von Sonia Mayr, Anja Reschke und Henning Rütten bereits 2008 zeigte. Vier Jahre später hat der Film, den 3sat zur Themenwoche "SehnSucht" aus dem Archiv holt, nichts von seiner Relevanz eingebüßt.

Marc-Oliver ist während des Drehs 17 Jahre alt. Das Gymnasium hat er geschmissen, mit Mühe und Not schaffte er den Hauptschulabschluss. Schuld ist seine Computerspielsucht. Rund sechs Stunden sitzt er täglich mit dem Rücken zur Welt vor seinem PC, um mit anderen in bunten Fantasiewelten Drachen und Orks zu erlegen und vielleicht jenen Erfolg und Zuspruch zu bekommen, der ihm in der Realität verwehrt bleibt.

Seine Eltern wissen nicht weiter: "Wir haben alles versucht, um ihn vom Bildschirm wegzuholen. Wir haben mit ihm über die Spiele gesprochen, haben gedroht und den Computer schließlich abgeschaltet. Es hat alles nichts genützt." Sie möchten nicht, dass es ihrem Marc-Oliver so ergeht, wie einem anderen jungen Mann, der im Film ebenfalls zu Wort kommt. Er hat durch seine Sucht alles verloren: den Job, die Freundin, die Wohnung. Jetzt macht er eine Therapie, um einen Weg aus der virtuellen Welt zu finden.

Die Filmemacher sprechen darüber hinaus mit Neurologen, Psychiatern und Suchtexperten. So haben Forscher der Berliner Charité etwa aufgezeigt, dass manche Computerspieler beim Anblick von Screenshots ähnlich reagieren wie Alkoholiker auf Bilder von Bier. Die "nicht-stoffgebundene Sucht" aktivierte auch dieselben Hirnareale.

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