Ein repressives Riesenreich

Eine Mammut-Tour durchs Reich der Mitte: Für seine aufregende zweiteilige Reisedokumentation "Chinas Grenzen" hat der ZDF-Ostasienkorrespondent Johannes Hano rund 20.000 Kilometer auf Landstraßen, Feldwegen, Sand- und Geröllpisten zurückgelegt. Sechs Monate lang erkundete der preisgekrönte Journalist, der selbst mit einer Chinesin verheiratet ist, die unterschiedlichsten Regionen des Riesenreichs. Herauskam ein China-Bild abseits der üblichen Berichte über das wundersame Wirtschaftswachstum, die fürchterlichen Menschrechtsverletzungen und den dramatischen Raubbau an der Natur. Unterstützt durch umtriebige Dolmetscher und ein abenteuerlustiges Team gelang es Hano, "ein China zu zeigen, das so selbst vielen Chinesen noch völlig unbekannt ist", wie er sagt.

Zu den langen Winterabenden rund um die Festtage gehören die großen Reiseberichte wie das Amen in die Kirche. In diesem Jahr machten sich die ARD-Altmeister des Weltreisens, Gerd Ruge, Klaus Bednarz und Fritz Pleitgen, rar, sodass sich Fernwehfreunde zum ZDF durchschlagen müssen. Doch auch Johannes Hano ist ein Abenteurer von Schrot und Korn. "Wir haben gefroren, geschwitzt, sind von Mücken und Pferdebremsen geradezu aufgefressen worden oder mussten in 4.800 Meter Höhe um Luft ringen", erzählt er im Rückblick. Für seinen aufwendigen Reisebericht hatte er es sich zur Aufgabe gemacht, die aufstrebende Weltmacht möglichst vollständig zu umrunden.

Denn tatsächlich dürfte auch künftig die Frage entscheidend sein, wie viel Einfluss China in unmittelbarer Nachbarschaft ausübt. Dabei hat das Land, so Hano, "Nachbarn, wie es sie unterschiedlicher auf der Welt nicht noch einmal gibt", darunter Russen, Afghanen, Pakistaner, Inder, Burmesen, Laoten, Vietnamesen, Krigisen, Tadschiken und Nordkoreaner. "Eine Steinzeitdiktatkur, die größte Demokratie der Welt", so Hano, "Kommunisten und Islamisten, alle stehen vor den Toren des riesigen roten Reichs."

Doch auch im Inneren herrscht große Vielfalt - und ein latent spürbarer innerchinesischer Rassismus. "Überall haben wir Menschen getroffen", erzählt der Filmemacher, "die kein Wort Chinesisch sprechen. In ganzen Landstrichen ist Chinesisch eine Fremdsprache." Also waren findige Übersetzer gefragt. Im rund 500 Kilometer langen Nujiang-Tal griffen Hano und sein Team auf die Dienste eines Dolmetschers zurück, der in fünf lokalen Sprachen fließend arbeitete. Die enormen inneren Spannungen sind für den ZDF-Journalisten ein Indiz dafür, dass China sich vermutlich rascher wandeln muss, als dies den Mächtigen recht ist. "Der kommunistische Apparat in Peking steuert ein Vielvölkerreich", sagt Hano, "dessen Zukunft sich in seinen Grenzregionen entscheiden könnte".

Die beklemmende Realität der Lebens- und Arbeitsbedingungen im Riesenreich holte den Korrespondenten und seine Frau Jingyang Wang-Hano immer wieder ein: Ausgerechnet als Hano in Hamburg erste Sequenzen seiner Groß-Dokumentation vorstellen wollte, erhielt er einen Anruf seiner Gattin, die selbst Journalistin mit deutschem Pass ist und bei Dreharbeiten in Peking am Rande einer Demonstration von Sicherheitskräften bedrängt und getreten wurde. Bei den Arbeiten für seinen eigenen ZDF-Film musste Hano häufiger offizielle Aufpasser als Begleiter dulden. Das Land Tibet und die Region Xinjiang waren für ihn - wie für alle westlichen Berichterstatter - tabu.

Im ersten Teil des Reiseberichts, der den Untertitel "Tiger, Schmuggler, Festungsinsel" trägt, begleiten die Zuschauer das ZDF-Team von der Nordgrenze zu Russland und Nordkorea hinab Richtung Süden zum Nachbarn Myanmar - von eisiger Kälte in subtropische Wälder. Fortgesetzt und abgerundet wird die Expedition im zweiten Teil "Wüsten, Pässe, wilde Reiter", den das ZDF am Donnerstag, 6. Januar, um 23.00 Uhr folgen lässt.

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