Trügerische mit Tücken

Zwei Dokumentationen, zwei Blickwinkel: 60 Jahre nach Erfindung der Anti-Baby-Pille ist ihr weltweiter Siegeszug unbestritten, auch wenn ihr Einsatz Schattenseiten hat.

"Die Pille war der erste Schritt, der Sex und Fortpflanzung voneinander trennte", sagte Carl Djerassi, ein US-Chemiker österreichisch-jüdischer Herkunft, der als ein Erfinder der heutigen Anti-Baby-Pille gilt. 1951 entwickelte er zusammen mit amerikanischen Kollegen das erste wirksame Präparat. Dass ihr Mittel zur Empfängnisverhütung weit mehr sein würde, als nur ein Medikament, dem ein weltweiter Siegeszug bevorstehen sollte, war den Forschern bewusst: Ohne die Pille, die zunächst hauptsächlich westliche Frauen vom Reproduktionsterror befreite, wäre die Geschichte des Feminismus anders verlaufen. Über 60 Jahre nach ihrer Erfindung sehen allerdings nicht nur Mediziner, sondern auch viele Frauenrechtlerinnen die Entwicklung durchaus kritisch, wie ARTE in zwei Dokumentation für den Themenabend "Pille, Power und Parolen" illustriert.

Katrin Wegner bezeichnet Djerassis bahnbrechende Erfindung, die als erstes sicheres Mittel der Empfängnisverhütung den Frauen Souveränität in sehr intimen Fragen der Lebensführung verschaffte, als eine Art "moderne Lifestyle-Droge". In ihrer kritischen Dokumentation "Die Pille und ich", die ARTE in deutscher Erstausstrahlung zeigt, sieht sie das Medikament weniger als Mittel zur sexuellen Befreiung, sondern als verführerischen Konsumartikel (mit gefährlichen Nebenwirkungen): Immer mehr und vor allem immer jüngere Mädchen nehmen die Pille und haben dabei neben der Geburtenkontrolle ganz andere Ziele vor Augen. Viele Werbeversprechen für die Anti-Baby-Pille erwähnen eher kosmetische Zusatznutzen: Wer sie einnimmt, hofft auf eine reinere Haut, einen größeren Busen und attraktives, glänzendes Haar.

Ganz anders der Ansatz, den Jörg Daniel Hissen in seiner ebenfalls vorher noch nicht im deutschen Fernsehen ausgestrahlten Dokumentation "Sind wir bald zu viele?" um 21.00 Uhr verfolgt. Er geht der Frage nach, welchen wichtigen Stellenwert der Einsatz der Pille vor allem in Schwellen- und Entwicklungsländern hat, wo sie mit einiger zeitlicher Verzögerung erst jetzt im großen Stil bedeutsam wird. Die Hälfte der Weltbevölkerung ist unter 25 Jahre alt. Immer mehr Experten warnen vor der sich abzeichnenden weiteren Bevölkerungsexplosion.

Hissen besuchte aktuelle Frauen-Projekte im indischen Bundesstaat Bihar, die zeigen: Überall dort, wo die Selbstbestimmung der Mädchen gestärkt wird - auch durch den Einsatz der Pille -, gehen die Geburtenraten von selbst zurück. Und angesichts von enormer Chancenungleichheit, Armut und Mangelwirtschaft müssen Ansätze zur zeitgemäßen Familienplanung oberste Priorität haben.

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